1. Februar 2012

Anmerkungen zum "subjektiven Sicherheitsgefühl"

Im heutigen Standard (Artikel) findet sich ein sehr interessantes Interview mit Reinhard Kreissl, dem wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalitätssoziologie (IRKS) in Wien. Bestimmte Aussagen von ihm decken sich mit meiner Beobachtung, dass das Sicherheitsthema vorwiegend von Medien und bestimmten politischen Parteien gepusht wird (siehe hierzu auch meine Artikel Die Angstmacherindustrie am Werken sowie Zur Situation am Bahnhof Dornbirn: "Hauptsach keine Sandler, Jugendlichen, Punks und Türken am Bahnhof"). Das Thema wird leider weiterhin relevant bleiben.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus den Aussagen Reinhard Kreissls:

Mit dem Sicherheitsgefühl ist das so eine paradoxe Geschichte: Sicherheit entsteht, wenn ich nicht über sie nachdenke. Wenn ich Sie frage: "Fühlen Sie sich eigentlich sicher?", dann beginnen Sie erst zu überlegen: "Hm, sollte ich mich unsicher fühlen?"

Maßnahmen, die deutlich zum Ausdruck bringen, dass etwas gegen Kriminalität getan wird, erhöhen das Unsicherheitsgefühl. [...] Jede Kommunikation über Kriminalität erhöht das Unsicherheitsgefühl.

Die Polizeiführung hat Interesse an Symbolpolitik. Sie verwendet das Kriminalitätsthema, um zu zeigen: "Seht her, wir tun etwas." Die Sicherheitskräfte werden für politische Kampagnen instrumentalisiert.

Aber insgesamt ist Kriminalität keine große Sorge der Menschen.

Wenn man Umfragen zum subjektiven Sicherheitsgefühl mit politischen Initiativen und den Kriminalitätsstatistiken über einen längeren Zeitraum vergleicht, dann sehen Sie: Politische Kampagnen, mediale Berichterstattung und das subjektive Gefühl schwingen immer gleich, die Kurven verlaufen mehr oder weniger parallel. Nur die registrierten Straftaten bewegen sich relativ unabhängig und gehen in den letzten Jahren leicht nach unten. Das heißt, das subjektive Sicherheitsempfinden ist im Wesentlichen eine Funktion der medialen Vermittlung. Die reale Kriminalitätsbelastung verläuft unabhängig davon.

Die Polizei leidet unter einem Selbstmissverständnis. Das Selbstbild lautet: "Wir sind dazu da, Kriminelle zu fangen." Aber 80 Prozent dessen, was die Polizei tut, ist Papierarbeit. [...] Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Polizist einen Kriminellen auf frischer Tat ertappt, liegt bei einem Mal in 17,5 Jahren. Das tägliche Brot der Polizisten ist eher Konfliktschlichtung - und dafür sollten die Beamten auch ausgebildet werden.

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