3. Februar 2011

Jugendliche Räume. Eine quantitative Studie zu den Raumkonstitutionen Jugendlicher aus Dornbirn






Zusammenfassung: Den Hintergrund der Studie bildet die These, dass sich die Raumkonstitutionen bzw. die Nutzung von Räumen durch Jugendliche aufgrund ihrer Verfügungsmöglichkeiten über ökonomisches, kulturel­les und soziales Kapital, aber auch Geschlecht und Migrationshintergrund, deutlich von­einander unter­schei­den. Kurz: Die Räume der Stadt sind durchzogen von sozialer Ungleichheit; die Räume Jugend­licher differenzieren sich ebenso, wie es unterschiedliche Ausprägungen der Lebensphase Jugend gibt; das soziologisch Inte­res­sante ist das differente Wie der Raumnutzung durch unterschiedliche Grup­­pen von Jugendlichen.

Die Erhebung mittels schriftlichem Fragebogen wurde von Oktober bis Dezember 2009 in den Räum­lich­keiten meh­rerer Schulen (BG Dornbirn, BRG Schoren, HTL, Poly) und Arbeitsstätten (Ju­gend­werk­stät­ten, ÜAZ, Zumtobel) durch­geführt. Als Auswahlverfahren wurde das Quoten­verfahren ver­wen­det; das heißt, es wurde versucht, die Struktur der Jugendlichen in Dornbirn hinsichtlich der Variab­len Jahr­gang, Geschlecht, Religion und Staatsangehörigkeit in der Stichprobe nachzubauen. Ins­ge­samt wur­den 110 Jugendliche befragt, die den Jahrgängen 1995 bis 1992 angehören (zum Zeitpunkt der Befra­gung waren sie zwischen 14 und 17 Jahre alt).

In einer ersten offenen Frage wurden die Jugendlichen gebeten, einen Lieblingsort in Dornbirn bzw. einen Ort, an dem sie überhaupt nicht gerne sind, anzugeben. 83 mal wurde ein Lieblingsort ange­führt, wobei 37 verschiedene Orte genannt wurden: mit 14 Nennungen (16,8%) steht die Stadt bzw. die Innenstadt an erster Stelle, gefolgt vom Jugendtreff Arena und dem Messepark mit jeweils 9 Nen­nun­gen (10,8%). Weiters folgen der Bahnhof, der McDonald’s und die Dornbirner Ach. Interessant ist, dass der Bahnhof siebenmal (8,4%) als Lieblingsort genannt wird, während er bei der Frage nach dem Ort, an dem man überhaupt nicht gerne ist, mit 20 Nennungen (46,5%) mit Abstand der am häufigs­ten genannte Ort ist (lediglich die Schule mit vier Nennungen (9,3%) wird darüber hinaus mehr als dreimal angegeben). Daran wird ersichtlich, dass an einem Ort unterschiedliche Räume ent­stehen können: einerseits ein Raum der Begegnung und Kommunikation, andererseits ein mit Angst besetz­ter Raum.

Den Hauptteil der Studie bildet eine Aktionsraumanalyse. Dabei wurden die Jugendlichen ersucht, für den jeweils letzten Werktag und Sonntag für jede Viertelstunde anzugeben, wo sie was mit wem ge­macht haben. Die Orte und Aktivitäten wurden mittels Inhaltsanalyse zu Raum- und Aktivitäts­typen zusammengefasst. Zum Beispiel wurden die Angaben „Birkenwiese“ und „Turnhalle“ zu dem Raum­typ „Sportplatz-halle“ zusammengefasst. Rechnet man alle 110 Jugend­­lichen zusammen, sind für einen durchschnittlichen Werktag sowie einen Sonntag jeweils Infor­ma­tio­nen zu 10560 Zeit­ab­schnit­ten zu je einer Viertelstunde verfügbar. Als Gruppenvariablen werden das Alter, das Ge­schlecht, der Migrationshintergrund (ist vorhanden, wenn der oder die Jugendliche selbst oder mindes­tens ein Elternteil im Ausland geboren ist) sowie ein sogenannter ökonomisch-kultureller Status (drei Grup­pen, die sich hinsichtlich der Verfügung über kulturelles und ökonomisches Kapital relativ von­ei­nan­der unterscheiden) verwendet.

An einem durchschnittlichen Werktag sind Jugendliche zu 55,7 Prozent daheim, zu 20,9 Prozent in der Schule, zu 5,4 Prozent an ihrem Arbeitsplatz, zu 4,3 Prozent halten sie sich draußen auf, zu 3,5 Prozent in sonstigen Privaträumen, zu 1,3 Prozent an einem nicht näher spezifizierbaren Ort in Dorn­birn, zu 1,2 Prozent auf einem Sportplatz oder in einer -halle, zu 0,9 Prozent in einem Jugend­treff, zu 0,8 Prozent in einem Einkaufszentrum sowie in einer Bar und zu 0,6 Prozent an einem Bahn­hof. Die weiteren Raumtypen folgen mit 0,5 Prozent oder weniger.

Betrachtet man für einen durchschnittlichen Werktag, in welchem Ausmaß einzelne Gruppen von Jugend­lichen unterschiedliche Räume in ihre Nutzungen miteinbeziehen, zeigen sich deutliche Unter­schie­de. So sind weibliche Jugendliche deutlich öfters in den Raumtypen Bar, Institution, Bahnhof und Einkaufszentrum anzutreffen, als ihr Anteil an der Stichprobe erwarten ließe, während hingegen männliche Jugendliche in den Raumtypen Arbeitsplatz, Sport­platz-halle und Jugendtreff deutlich über­­repräsentiert sind. Jugendliche, die über einen Migrationshintergrund verfügen, halten sich öfters in den Raumtypen Jugendtreff, Institution, Geschäft, Arbeitsplatz, PrivatraumSonstige und Einkaufszentrum auf; hingegen sind Jugendliche ohne Migrationshintergrund in den Raumtypen Schulgebäude, Sportplatz-halle und Bahnhof überrepräsentiert. Jugendliche mit relativ hohem öko­no­misch-kulturellen Status sind öfters in den Raumtypen Kulturort, Tanzschule, Musikschule und Schulgebäude vorzufinden, Jugendliche mit relativ niedrigem öko­no­misch-kulturellen Status hinge­gen in den Raumtypen Einkaufszentrum, Arbeitsplatz und Jugendtreff. Hier wirkt sich der hohe Zusam­­menhang zwischen Migrationshintergrund und ökonomisch-kulturel­lem Status aus: Jugend­liche, die einen Migrationshintergrund aufweisen, verfügen eher über einen relativ nied­ri­gen öko­no­misch-kulturellen Status als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Deshalb sind sich die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und die Gruppe der Jugendlichen mit niedrigem öko­no­misch-kulturellen Status in ihrer Raumnutzung sehr ähnlich.
Die folgende Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen dem sozialen und dem phy­sisch angeeigneten Raum. Einerseits sind die drei verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichem ökonomisch-kultu­rel­len Status sichtbar, andererseits die Raumtypen, die Jugendliche in ihre Raum­nutzungen miteinbeziehen. Beispielsweise wird ersichtlich, dass Jugendliche, die sich in dem Raum­typ Arbeitsplatz befinden, eher über einen relativ niedrigen ökonomisch-kulturellen Status verfügen als über einen mittleren oder gar einen hohen ökonomisch-kulturellen Status.

Dieselbe Analyse kann für einen durchschnittlichen Werktag für die Aktivitäten durchgeführt werden. Betrachtet man noch die Raumnutzung an einem durchschnittlichen Sonntag, zeigt sich, dass in er­höh­tem Maße der Aufenthalt daheim relevant ist. Zu 72,5 Prozent halten sich Jugendliche an einem Sonn­tag zuhause auf, gefolgt von 10,5 Prozent Aufenthalt in sonstigen privaten Räumen. Draußen halten sich Jugendliche zu 4,2 Prozent auf, in einem Jugendtreff zu 1,8 Prozent, an einem nicht näher spezifizierbaren Ort zu 1,6 Prozent, auf einem Sportplatz oder in einer -halle zu 1,2 Prozent, in einer Bar zu 1,1 Prozent und an einem nicht näher spezifizierbaren Ort in Dornbirn zu 1,0 Prozent; andere Raumtypen werden zu weniger als 1,0 Prozent in die Raumnutzung miteinbezogen.
Jugendliche treffen in ihren Versuchen, Raum zu konstituieren, stets auf andere Akteure, die, ebenso ausgestattet mit einer bestimmten Verfügungsmacht über Raum, selbst Raum konstituieren und ihn in Anspruch nehmen wollen. Die mögliche Folge sind Konflikte, die von verbaler Beschimpfung bis zu körperlicher Gewalt reichen können. Die Analyse zeigt, dass Jugendliche in Dornbirn zu über 30 Pro­zent in den letzten drei Monaten eine Verdrängungserfahrung gemacht haben; das heißt, dass sie von der Polizei oder Securities von einem Ort, an dem sie waren, weggeschickt wurden. Von Verdrän­gung durch Erwachsene waren zirka 28 Prozent betroffen, von Verdrängung durch andere Jugend­liche etwa acht Prozent. Sowohl bei der Verdrängungserfahrung wie auch der Konflikter­fah­rung gibt es fast ausschließlich einen signifikanten Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Jugend­lichen. So finden sich zum Beispiel hinsichtlich der Konflikterfahrung „Stress mit Jugendlichen ande­rer Nationalität“ keine Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.

2 Kommentare:

  1. Lieber Thomas,

    ich finde die Arbeit super spannend. Ich stehe auch gerade am Anfang meiner Diplomarbeit mit einem ähnlichen Thema. Es ist sehr schwer mir deine Arbeit in Hardcopy zu besorgen und ich bräuchte sie sehr dringen. Ich wollte dich bitten, ob du mir deine Arbeit eventuell per Email zuschicken könntest?

    Liebe Grüße,
    Anna

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  2. liebe Anna, schick mir bitte eine mail an tmazze (at) hotmail.com, dann kann ich sie dir gerne per mail zukommen lassen. lg, thomas.

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