22. Oktober 2010

Grüne Früchte für die rote Stadt?

Erst der Erfolg der FPÖ eröffnet Michael Häupl die Möglichkeit einer Koalition mit den Grünen. Die Strategie des Schielens nach Rechts hat sich als untauglich erwiesen; das Beispiel der zerbröselnden ÖVP zeigt dies nur zu deutlich.

Wien ist eine sozialdemokratische Stadt. Eine halbe Million Menschen wohnen in einer Gemeindewohnung. Der Tag der Arbeit und das Donauinselfest werden stolz präsentiert: Der Käsekrainer und das Bier bestimmen den Duft der Stadt im Mai und im Juni. Die Donaustadt herrscht über die Josefstadt.

Neben diesen auf-regenden Veranstaltungen ist die Donaustadt aber auch eine Ursache für den Mief, der die Stadt jahrzehntelang befallen hat. Das Grau und der Stumpfsinn der Kottanschen Hartlgasse 16a stehen eben auch für das sozialdemokratische Wien der 1970er Jahre. Die SPÖ, ihren WählerInnen verpflichtet, kann zu dieser Zeit eine weltoffene und gesellschaftspolitisch liberale Politik u .a. nur aufgrund der Autoritätsgläubigkeit der Bevölkerung bewerkstelligen, die der Partei ihren Glauben schenkt – und mangels Alternative schenken muss. Dies bricht in den 1980er Jahren auf: Die FPÖ bemächtigt sich diesem miefigen Diskurs. Die SPÖ, verschreckt, ratlos, unmutig, versucht sich in den 1990er Jahren in der Wiederaneignung dieses Diskurses – und scheitert.

Die SPÖ hat sich von ihren ehemaligen WählerInnen befreit – auf Kosten der absoluten Mehrheit. Dies ermöglicht ihr eine Perspektivenverschiebung: Sie muss nicht mehr zwanghaft und ängstlich und rechtsauslegend über die Donau oder in den Süden schauen. Sie kann – und muss – versuchen, ihre ehemaligen WählerInnen von der anderen Seite zu gewinnen: von links. Michael Häupl scheint dies zu begreifen. Bildung, Lebensqualität, Partizipation, BürgerInnenbeteiligung sind nicht nur Themen für den Spittelberg, sondern auch für Simmering. Eine Koalition mit den Grünen ist ein Schritt in diese Richtung, die Verbindung von roter Sozialkritik und grüner Künstlerkritik (Boltanski/Chiapello) die notwendig anzupackende politische Aufgabe, die die Möglichkeit einer Befruchtung bringen kann: Donaustadt und Josefstadt interagierend.

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